ADHS

 

ADHS: Ursachen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten – einfach erklärt

Es gibt Menschen, die voller Energie sind. Die kaum stillsitzen können oder von einer inneren Unruhe geplagt werden. Die sich von jeder Kleinigkeit ablenken lassen. Die impulsiv sind und voller Ungeduld. Menschen, die nie zuzuhören scheinen und bei Gesprächen ständig dazwischenreden. Ob bei Kindern oder Erwachsenen: Dieses Verhalten kann mehr als nervenaufreibend sein für die Umgebung: erst für Eltern und Lehrer, später für Partner, Freunde oder Vorgesetzte.

Bei Kindern wird häufiger daran gedacht, dass eine bestimmte Erkrankung vorliegen könnte: ADHS. Die Abkürzung steht für die „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, umgangssprachlich manchmal auch „Zappelphilipp-Syndrom“ genannt, nach einer Figur aus dem Kinderbuch-Klassiker „Der Struwwelpeter“. Was viele Menschen nicht wissen: Auch Erwachsene können von der Erkrankung betroffen sein. Doch was ist ADHS genau?

Strukturelle und funktionale Besonderheiten im Gehirn

ADHS zählt zu den häufigsten psychischen Störungen in der Kindheit und macht sich häufig ab dem Grundschulalter bemerkbar. In Deutschland sind mehr als 500.000 Kinder im Schulalter betroffen, schätzen Experten. Ohne Behandlung kann die Erkrankung bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen. Etwa 50 bis 80 Prozent der als Kinder Betroffenen zeigen auch noch als Erwachsene deutliche Symptome von ADHS. Bei manchen von ihnen wird die Störung sogar erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.

Fachleute gehen davon aus, dass ADHS überwiegend genetisch bedingt ist. Es handelt sich weder um eine Infektion (wie die Grippe) noch um einen „Erziehungsfehler“, den ich als Elternteil unabsichtlich begehe. Vielmehr ist die Neigung dazu angeboren und kann von den Eltern an die Kinder vererbt werden. Gibt es in meiner Familie schon bekannte Fälle von ADHS, kann das ein erstes Indiz für mich sein.

Trotzdem sind es nicht „die Gene“ allein, die ADHS verursachen. Die Umwelt spielt immer eine wichtige Rolle als Auslöser und Verstärker: Ungünstige äußere Einflüsse, etwa übermäßiger Medienkonsum, Bewegungsmangel, Zeitdruck oder wenig Zuwendung von den Eltern, können angelegte Symptome verschärfen. 

An welchen Anzeichen erkenne ich ADHS?

Doch wie erkenne ich als Elternteil, dass mein Kind nicht einfach nur zappelig, sondern von ADHS betroffen ist? Die Symptome für die Störung lassen sich grob drei Kategorien zuordnen:

  • Aufmerksamkeitsstörung: Betroffene sind leicht ablenkbar oder haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.
  • Hyperaktivität: Betroffene verspüren einen starken Bewegungsdrang sowie innere und äußere Unruhe.
  • Impulsivität: Betroffene neigen zu emotionalen Überreaktionen bzw. Ausbrüchen. Häufig treten auch rasche und stark ausgeprägte Stimmungsschwankungen auf. Typisch ist ebenfalls eine unzureichende Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse.

Bei Erwachsenen, die von ADHS betroffen sind, ähneln die Symptome denen von Kindern und Jugendlichen. Allerdings verschieben sie sich etwas: Die Hyperaktivität, also die „Zappeligkeit“, lässt nach. Dazu kommt ein Gefühl des Getriebenseins und die Unfähigkeit, abschalten zu können. Mögliche Folgen: eine geringe Leistungsfähigkeit im Job, häufig Schwierigkeiten in Partnerschaften, Suchtverhalten.

Neben diesen Symptomen fallen unter Umständen weitere Anzeichen auf. Zum Beispiel mangelt es Betroffenen an der Fähigkeit, anstehende Aufgaben bzw. den Alltag insgesamt ausreichend zu planen oder zu strukturieren. Andere leiden unter Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen.

Eine Unterform von ADHS ist das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS). In diesem Fall fällt die Hyperaktivität weg. Betroffene sind eher „verträumt“, „sensibel“ und „langsam“. Als Mutter oder Vater sehe ich dann beispielsweise, dass mein Kind stundenlang an seinen Hausaufgaben sitzt, doch bei Problemen wird es schnell reizbar. Grundsätzlich unterscheiden sich ADS und ADHS allerdings nicht.

Wer kann bei ADHS helfen?

Wenn ich als Elternteil den Verdacht habe, dass mein Kind von ADHS betroffen ist, sollte ich am besten einen spezialisierten Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Auch ein entsprechend geschulter Kinder- und Jugendpsychiater kann ein erster Ansprechpartner für mich sein. Die Qualifikation ist wichtig, damit eine korrekte Diagnose gestellt wird. Diese erfolgt mithilfe der Anamnese – der genauen Erfassung der Krankengeschichte – sowie durch Verhaltensbeobachtungen.

Eltern sollten den Arztbesuch gut vorbereiten. Dazu gehört beispielsweise, im Tagesablauf etwaige Verhaltensauffälligkeiten des Kindes aufmerksam zu beobachten. Lehrer und andere Bezugspersonen können ebenfalls zum Verhalten des Kindes befragt werden. Zudem sollte die Familiensituation betrachtet werden: Gab es Schicksalsschläge? Hat sich die Beziehung der Eltern verschlechtert, und hat dies Einfluss auf die Gemütslage des Kindes? Eltern sollten auch ihren Umgang mit dem betroffenen Kind hinterfragen.

Erwachsene, die noch keine Diagnose im Kindes- oder Jugendalter erhalten haben, sollten sich an einen Psychiater bzw. Psychotherapeuten wenden, der über Erfahrung in der Behandlung von ADHS verfügt. An vielen Universitätskliniken gibt es zudem Spezialambulanzen für Erwachsene mit ADHS. Bei der Anamnese fragen die Experten nach bestehenden Symptomen und damit verbundenen Einschränkungen, sie gehen aber auch bis in die Kindheit und Jugend zurück. Fast immer bestanden schon früher typische Symptome, die aber unerkannt geblieben sind. Wichtig ist auch die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen oder bipolaren Störungen.

Wie lässt sich ADHS behandeln?

ADHS wird mit psychologischen, verhaltenstherapeutischen, erzieherischen und sozialen Maßnahmen behandelt. Sie sollen einen besseren Umgang mit der Erkrankung ermöglichen. Unterstützend werden auch Medikamente eingesetzt. Eine Medikation verfolgt das Ziel, die Symptome im Alltag zu lindern. Denn ADHS ist nach aktuellem Wissensstand behandel-, aber nicht heilbar.

Der erste Ansatzpunkt jeder Therapie ist zunächst eine angemessene Aufklärung bzw. Beratung des Betroffenen, bei Kindern auch der Eltern, sowie der Lehrer und anderer Bezugspersonen. Hilfreiches Infomaterial kann kostenfrei bezogen werden. Welche Therapiemaßnahmen am besten geeignet sind, hängt von der individuellen Situation und dem Alter des Betroffenen ab.

Bei der Behandlung von Kindern ist ein wichtiger Therapiebaustein das sogenannte Elterntraining. Hierbei versuchen Eltern und Kind gemeinsam, problematische Verhaltensweisen auszumachen – und diese mithilfe verhaltenstherapeutischer Methoden zu beheben. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Partner/Partnerin und dem betroffenen Kind: Die Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Erfolg.

Auch eine konsequente Erziehung und das Befolgen von Regeln können dem Kind helfen: Erreicht es zum Beispiel ein vereinbartes Ziel, erhält es eine Belohnung oder kann sich bestimmte „Rechte“ erarbeiten, beispielsweise eine Stunde Computerspielen. Bemüht es sich nicht, sein Verhalten anzupassen, hat das negative Konsequenzen.

Was kann ich selbst tun?

Ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener: Wer von ADHS betroffen ist, sollte sich im Alltag Strukturen, geregelte Abläufe bzw. Routinen schaffen. Dies trägt dazu bei, zur Ruhe zu kommen und sich konzentrieren zu können. To-Do-Listen und Terminkalender können dabei helfen. Ebenso Hobbys, die in der Gruppe ausgeübt werden und an feste Termine gebunden sind, etwa Fußballspielen, Singen im Chor und ähnliche Aktivitäten. Eltern sollten ihre Kinder unterstützen, sich an die Strukturen zu halten.

Mit kleinen Übungen können sich Betroffene zwischendurch Luft verschaffen, wenn das „Chaos im Kopf“ zu groß wird. Kindern wie Erwachsenen helfen beispielsweise Atemübungen, bei denen sie sich das Bild einer Welle im Kopf vorstellen und dabei bewusst tief ein- und ausatmen. Beim Einatmen läuft die Welle auf den Strand, beim Ausatmen fließt sie ins Meer zurück. Betroffene können auch versuchen, Dinge oder Tätigkeiten einmal ganz bewusst wahrnehmen: etwa wie eine Tasse Kakao aussieht, riecht und schmeckt. Oder sich ganz auf eine alltägliche Tätigkeit konzentrieren, etwa das Zähneputzen oder das Ab- und Aufrollen eines Wollfadens. Ein solches Achtsamkeitstraining fördert bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen die Fähigkeit, länger bei einer Sache zu bleiben.

Innerer Ausgleich lässt sich auch mit der progressiven Muskelrelaxation nach Edmund Jacobson erreichen, bei der man gezielt Muskeln anspannt und wieder entspannt. Eine Gedankenreise an einen Ort, an dem man sich wohlfühlt, trägt ebenfalls dazu bei, in angespannten Situationen schneller wieder ausgeglichen zu sein.

Das Wichtigste rund um Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und praktische Hilfen fasst unser Video „ADHS – einfach erklärt“ zusammen. Weitere Erklärvideos zu interessanten Gesundheitsthemen gibt es hier.